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Thomas Reis 1963 - 2024

Lieber Thomas,


Reis & Vollmer auf der Bühne

von unserem ersten bis zu unserem letzten gemeinsamen Bühnenauftritt währte unsere Zusammenarbeit genau sieben Jahre und einen Tag. Heute, fast vier Jahrzehnte nachdem wir uns kennengelernt haben, scheint das ein sehr kurzer Zeitraum, aber diese sieben Jahre waren so intensiv wie wenig anderes in meinem Leben, und sie wirken bis heute nach. Angefangen von unseren ersten Proben, Auftritten, Gastspielreisen – ich bin sicher, ich könnte ganze Tage, Zug- und Autofahrten, Vorstellungen noch minutiös nacherzählen…

 

Unseren ersten Auftritt als Kabarett "Duo-Vital" mussten wir innerhalb weniger Wochen förmlich aus dem Boden stampfen, damit er zum Wettbewerb um den Kulturförderpreis der Universität Freiburg fertig war: Am Donnerstag, dem 6. Februar 1986. Im knackvollen Saal der alten Uni wurde es eine umjubelte Vorstellung. Deine Freundin Christina hat im Rückblick gesagt, es habe sich dort „eine neue Dimension“ aufgetan. Für uns beide persönlich hat das in jedem Fall gestimmt, denn so überraschend dieser Anfang war, er hat uns überzeugt: Das kann gar nichts anderes sein als der Startschuss für eine professionelle Bühnenlaufbahn! Auch wenn ich über uns als Duo ja – halb im Ernst, halb im Scherz – gesagt habe, „wir haben uns nicht gesucht, aber gefunden“: Wir waren zwei Kometen, deren Flugbahnen sich eher zufällig gekreuzt haben, deren Anziehung aber doch so stark war, dass diese Begegnung eine gute Weile Funken geschlagen hat.



Reis & Vollmer, Szenenfoto

Dass es nach dem 6. Februar dann so dynamisch weitergegangen ist, das lag vor allem an deiner Entschlossenheit, uns in das Metier Kabarett zu boxen. Etwa an deinem legendären Brief an C.F. Krüger vom Mainzer unterhaus, aus dem er ja „zum gegebenen Zeitpunkt“ zitieren wollte, und der dazu geführt hat, dass wir im April 1987 von Hanns Dieter Hüsch als „Neue Deutsche Kleinkunst“ präsentiert wurden.

Und dann haben wir in diesen ungemein bewegten Zeiten Kabarett gemacht: Gorbatschow, Tschernobyl, der Mauerfall, unsere unvergessliche Gastspielreise in der gerade noch existierenden DDR im Mai 1990. Und wir haben Verbindungen zu Theatern und Veranstaltern geknüpft, die Jahrzehnte lang Bestand haben sollten.



Reis & Vollmer, PR-Foto

Auch als wir später mit unseren Soloprogrammen unterwegs waren – den Jahrestag unseres Debüts und die sieben Jahre, in denen wir zusammen auf Tour gegangen sind, haben wir immer wieder gemeinsam gefeiert, denn für alles, was danach gekommen ist, war dieser magische Abend in Freiburg Ausgangspunkt und Grundlage, es war sozusagen unser kabarettistischer Urknall.

Und nun…? Nun sitze ich hier, habe Fotoabzüge aus staubigen Kartons gekramt, denn nun gibt es dieses weitere Datum, das sich einprägt – auf sehr schmerzhafte Weise.

 


Du wolltest noch nicht sterben. Du hast gespürt, dass es so weit war. Als wir uns in den letzten Wochen und Monaten gesehen haben, habe ich mich gefragt, ob es denn irgend, irgend, irgend etwas geben könnte, was angesichts dieser Gewissheit Trost bringt, und sei es nur ein Hauch davon. Dies zumindest konnte ich dir sagen: Die Erinnerung an unsere gemeinsamen Jahre auf der Bühne und an unsere magischen Momente, die trage ich als besonderen Schatz in meinem Herzen.

 

So lange ich lebe.

 

Danke, Thomas

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