Wir müssen reden! – Zum Tod von Thomas Kreimeyer

Aktualisiert: 21. Dez 2020


Thomas Kreimeyer. Foto: Alex Lipp

Thomas Kreimeyer habe ich im Mai 2009 bei gemeinsamen Auftritten im Quatsch Comedy Club in Hamburg kennengelernt. Von seinem „Steh-Greif-Kabarett“ war ich so fasziniert, dass ich noch heute minutiöse Erinnerungen an diese Auftritte habe.


Thomas ging nicht auf die Bühne, um ein Programm darzubieten – was er ohne jeden Zweifel brillant gemacht hätte. Er wollte viel mehr: Er trat auf, um mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Nahm einen Blickkontakt, eine Bemerkung oder die Art, wie jemand saß, zum Ausgangspunkt, bezog nach und nach immer mehr Anwesende ein, stellte Bezüge und Verknüpfungen her und entwickelte im Austausch mit den Zuschauern urkomische, originelle und treffende Pointen.


Das war ihm möglich, weil er eine Atmosphäre herstellen konnte, in der man sich wohlgefühlt hat, zur Offenheit eingeladen war und nicht befürchten musste, für einen schnellen Gag zum Opfer des Saales zu werden. Es war ihm möglich, weil er tatsächlich eine fragende und staunende Neugier für den anderen in sich trug.


In seiner Vita schreibt er, dass es im Kern eine große Ratlosigkeit war, die ihn angetrieben hat. Das Gefühl, dass er für sich alleine auf die großen und wichtigen Fragen des Lebens keine Antworten finden kann; das Gefühl aber auch, dass er mit dieser Ratlosigkeit nicht alleine ist. Und eben das hat ihn ermutigt, jeden Abend auf ihm unbekannte Menschen zuzugehen und im weiten Meer der Ratlosigkeit Inseln des Erkennens und Verstehens zu entdecken.


Was er dabei geleistet hat, war, den selbstreferenziellen kleinen Kosmos, in dem jeder von uns lebt, und in dem es oft nur darum geht, sich der Richtigkeit der eigenen Weltsicht zu versichern – heute spricht man von der „Echokammer“ –, für einen Moment aufzubrechen. Durch die Begegnung mit dem Mann auf der Bühne. Den Fragen, die er stellt. Die Einsicht, dass es unerwartete Gemeinsamkeiten mit anderen gibt.


Was er uns dabei klar gemacht hat, ist sowohl ermutigend wie beunruhigend: Es kommt tatsächlich auf jede einzelne Begegnung und jeden einzelnen Moment im Leben an! Ich kann sprechen, mich öffnen, mich zu erkennen geben – mit dem Risiko, verletzt zu werden, aber eben auch mit der Chance zur Entwicklung. Oder ich bleibe in Deckung – und genau so ratlos und alleine wie bisher.


Und so hat er eine besondere Art der Gesprächstherapie betrieben: In einer Situation, die einerseits exponiert und spannungsgeladen, im Rampenlicht und vor aller Augen stattfindet, andererseits trotzdem geschützt ist, denn es ist ja alles „nur Theater“, hat er uns zum Sprechen, Mitfühlen und Verstehen gebracht. Uns die eigene Ratlosigkeit gespiegelt und damit getröstet, dass wir sehen: Keiner ist damit allein.


Das Risiko, ein Publikum mit seinem Gesprächsangebot nicht zu erreichen, hat ihn dabei nicht geschreckt. Auf der Gastspieltour hat er es bisweilen mit Zuschauern zu tun gehabt, die bedient werden wollten, denen ein „Konzept“, ein abgespultes Programm lieber und bequemer gewesen wäre. Es gab für Thomas aber weder Netz noch doppelten Boden. Er hat das Publikum im Zweifelsfall vor die Wahl gestellt, entweder mitzumachen oder eben gar nichts geboten zu bekommen.


Die einzige Festlegung, die es bei seinen Auftritten gab, war die Begrenzung der Zeit. Zu Beginn für alle sichtbar eingestellt, war beim Klingeln seines kleinen Weckers Schluss. Widerspruch zwecklos.

Im September hat Thomas eine Diagnose erhalten, die besagte, dass nunmehr jemand für ihn die Uhr gestellt hat; jemand, mit dem man definitiv nicht diskutieren kann. Eine solche Diagnose – so stellen wir uns vor – muss bei dem Betroffenen einen tiefen Schrecken, muss Wut und Verzweiflung auslösen.


Wenn Menschen aus seinem Umfeld sagen, er habe sich dem „mit tiefem Ernst und einer bewundernswert heiteren Gelassenheit“ gestellt, dann vielleicht deswegen, weil er sich bestätigt sehen konnte. Es war richtig, nicht auf vermeintliche Sicherheit in der Wiederholung des immer Gleichen zu spekulieren. Es war richtig, in jedem Moment nach den Möglichkeiten und nach dem Gespräch zu suchen, das es nur einmal, nur im Hier und Jetzt gibt. Das hat er wie kein anderer verstanden.


Es ist bitter, dass er gerade in der Zeit gehen muss, in der uns nichts so sehr fehlt wie Begegnung, Austausch und gemeinsame Erlebnisse. Und in der die Bereitschaft zum Gespräch allzu oft durch Vorbehalte, Mißtrauen und Verdächtigungen zugeschüttet wird.


Ich hoffe, dass die Erinnerung an die Begegnung mit dir

bei vielen Menschen noch lange lebendig bleibt. Danke, Thomas.

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